Ein Gastbeitrag von Dr. Hanna Steffen, Coach und Mentorin für Hoch- und Vielbegabung, Hochsensibilität und Neurodivergenz, über ADHS und Selbstständigkeit
Das Wichtigste in Kürze
- ADHS und Selbstständigkeit vertragen sich nicht automatisch, aber sie schließen sich auch nicht aus. Studien zeigen einen Zusammenhang mit Gründungsabsichten, sagen aber nichts Verlässliches über den Erfolg einer einzelnen Person.
- In der Selbstständigkeit lässt sich stärker beeinflussen, wann, wo und woran du arbeitest. Dafür musst du Abläufe wie Buchhaltung, Rechnungen und Absprachen selbst organisieren.
- Im Alltag können ein Fünfzehn-Minuten-Timer, Buddyworking, feste Pausen und ein genauer Blick auf Gefühle wie Scham oder Versagensangst helfen.
- Eine gute Leitfrage vor dem Schritt: Flüchte ich gerade vor etwas, oder gehe ich bewusst woanders hin?
- Tragfähig wird es mit einem klaren Verständnis der eigenen Fähigkeiten, Werte, Bedürfnisse und Grenzen, mit verlässlichen Abläufen und mit Menschen, die dich unterstützen.

Neulich kam ich in einem Friseur- und Kosmetikstudio aus der Behandlung. Am Empfang stand ein junger Mann, freundlich, zugewandt und mit spürbarem Engagement bei der Sache. Eine Angestellte wollte, dass er einen neuen Termin für mich vereinbart. Daneben standen weitere Kolleginnen, die ebenfalls etwas von ihm brauchten. Ich sollte noch bezahlen und das Telefon klingelte. Er wurde zunehmend hektisch, machte Fehler und konnte die verschiedenen Wünsche kaum noch zusammenbringen.
Als ich draußen war, dachte ich: Der ganz normale Wahnsinn. Da muss man gar kein ADHS haben, um unter Druck zu geraten. Die Szene beschäftigte mich weiter. Wie geht es einem Menschen an einem solchen Arbeitsplatz, wenn er zusätzlich ADHS hat, hochsensibel ist oder sogar mehrfach neurodivergent ist? Wenn viele Reize gleichzeitig die Aufmerksamkeit beanspruchen und er sich bemüht, möglichst allen gerecht zu werden? Welche Bedingungen braucht er, um seine Fähigkeiten gut einsetzen zu können, und wie passend ist so ein Arbeitsplatz dann auf die Dauer?
Ich bin Dr. Hanna Steffen und mit solchen Fragen beschäftige ich mich als Coach und Mentorin bei Begabung im Flow. Mein Schwerpunkt liegt auf der Begleitung hoch- und vielbegabter Menschen, bei denen auch Hochsensibilität, ADHS oder Autismus eine Rolle spielen können. Zuvor habe ich fünfzehn Jahre lang in eigener psychotherapeutischer Praxis gearbeitet.
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ADHS im Erwachsenenalter: Wie zeigt sich das?
ADHS steht für Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung. Sie beginnt in der Kindheit und kann bis ins Erwachsenenalter fortbestehen. Eine Tatsache, die zum Leidwesen der Betroffenen lange Zeit kaum Beachtung fand. Die Aufmerksamkeit zu steuern, Aufgaben zu beginnen und zu organisieren sowie Impulse und Emotionen zu regulieren kann dabei erheblich erschwert sein. Eine Hyperaktivität zeigt sich bei Erwachsenen häufig auch als innere Unruhe. Beim vorwiegend unaufmerksamen Erscheinungsbild, auch als ADS bezeichnet, fällt die äußere Unruhe weniger auf.
Die Neurodiversitätsbewegung betrachtet ADHS als eine Variante menschlichen Wahrnehmens, Denkens und Verarbeitens, die von vorherrschenden Vorstellungen über eine Normalität abweicht. Sie betont dabei neben möglichen Beeinträchtigungen auch individuelle Stärken und die Bedeutung passender Lebensbedingungen.
Im Arbeitsalltag kann das bedeuten, Termine oder die Zeit aus dem Blick zu verlieren, insbesondere uninteressante Aufgaben lange aufzuschieben, im Gespräch häufiger abzuschweifen oder mehrere Vorhaben gleichzeitig zu beginnen. Wie sich das konkret zeigt und wie stark damit Beeinträchtigungen einhergehen, unterscheidet sich von Mensch zu Mensch mitunter erheblich. Einzelne solcher Erfahrungen kennen viele von uns. Für eine ADHS-Diagnose müssen die Schwierigkeiten anhaltend sein, verschiedene Lebensbereiche betreffen und sich bis in die Kindheit zurückverfolgen lassen.
Im Zusammenhang mit der beruflichen Orientierung interessiert mich vor allen Dingen, wie jemand mit diesen Voraussetzungen gut leben und arbeiten kann: Wo liegen die individuellen Stärken und Herausforderungen? Was gelingt bereits? Was kostet unverhältnismäßig viel Kraft? Welche inneren und äußeren Veränderungen braucht es und welche Unterstützung ist dabei hilfreich?
Warum Selbstständigkeit bei ADHS anziehend sein kann
Studien zeigen eine positive Korrelation zwischen ADHS und der Absicht, ein Unternehmen zu gründen, sowie zwischen ADHS und unternehmerischen Aktivitäten. Dabei unterscheiden sich die Befunde je nach untersuchten ADHS-Merkmalen und danach, ob es um den Einstieg oder die Tragfähigkeit nach einer Gründung geht.
Das bedeutet nicht, dass ADHS automatisch ein erfolgreiches Unternehmertum begünstigt. Aus meiner Sicht lohnt sich dabei auch der Blick auf die bisherigen Arbeitsbedingungen: Klassische berufliche Strukturen scheinen für manche Menschen schlicht zu eng, zu langsam, zu reizüberflutend, fremdbestimmt oder zu wenig passend zu sein und werden deshalb infrage gestellt.
Dann entspricht der Weg in die Selbstständigkeit nicht unbedingt dem romantischen Traum von Freiheit, sondern manchmal dem Versuch, sich eine Arbeitsform zu erschaffen, in der das eigene Nervensystem, die eigene Kreativität und die eigene Art zu denken genügend Raum bekommen.
Ist eine Selbstständigkeit bei ADHS ein Garant für Erfolg?
Daniel Lerner, Ingrid Verheul und Roy Thurik untersuchten in einer 2018 online veröffentlichten Studie knapp 10.000 Studierende. Eine berichtete ADHS-Diagnose hing sowohl mit stärkeren Gründungsabsichten als auch mit tatsächlichen Gründungsaktivitäten zusammen. Untersucht wurde der Einstieg; über den späteren Erfolg sagt diese Studie nichts aus. Auch lässt sich eine Stichprobe von Studierenden nur begrenzt auf andere Lebensphasen übertragen. (link.springer.com)
Eine größere Zusammenschau von Mi Hoang Tran und ihrem Forschungsteam, zu dem Johan Wiklund gehört, wertete 47 Studien aus. Die Ende 2025 online veröffentlichte Meta-Analyse bestätigt den positiven Zusammenhang hyperaktiv-impulsiver Merkmale mit unternehmerischen Einstellungen und Aktivitäten. Für die Ergebnisse nach der Gründung zeigte sich bei hyperaktiv-impulsiven Merkmalen kein statistisch signifikanter Zusammenhang. Stärker ausgeprägte Unaufmerksamkeit hing dagegen mit ungünstigeren Ergebnissen nach der Gründung zusammen. (journals.sagepub.com, whitman.syracuse.edu)
Diese statistischen Zusammenhänge erlauben insofern keine verlässliche Vorhersage darüber, wie eine einzelne Person ihren beruflichen Weg gestalten kann und wird. Deshalb ist es so wichtig, die konkreten individuellen Beweggründe genau anzuschauen. In der Selbstständigkeit lässt sich stärker beeinflussen, wann und wo man arbeitet, welche Aufträge man annimmt und wie man die eigene Arbeit organisiert. Wer gerne selber gestaltet, sich gerne intensiv mit einem Thema beschäftigt oder auch sehr vielseitig unterwegs ist, kann sich so einen passenden Rahmen schaffen.
Isa erwähnte in unserer gemeinsamen Reflexion die Selbstbestimmungstheorie von Edward Deci und Richard Ryan. Diese beschreibt Autonomie, Kompetenzerleben und soziale Verbundenheit als grundlegende psychologische Bedürfnisse. Das betrifft grundsätzlich alle Menschen. Bei der Entscheidung für eine Selbstständigkeit lässt sich daran jedoch gut prüfen, was jemand sich von diesem Schritt erhofft. (selfdeterminationtheory.org)
Was trotz aller Freiheit getan werden muss
Wichtig ist es, neben der Begeisterung und Freude am eigenen Gestalten auch die Aufgaben im Blick zu behalten, die unabhängig von persönlichen Interessen und der jeweiligen Tagesform erledigt werden müssen: Buchhaltung, Rechnungen, rechtliche Fragen und verlässliche Absprachen gehören nun einmal auch zum eigenen Unternehmen. Zur Freiheit kommt die Verantwortung, für funktionierende Abläufe zu sorgen.
Wie schnell in frei verfügbarer Zeit ein Termin aus dem Blick geraten kann, zeigte sich passend zum Thema prompt vor Isas und meinem Gespräch: Ich hatte beim Gemüseschnippeln Podcasts gehört und war dadurch gedanklich noch in andere Themen vertieft. Darüber hatte ich tatsächlich unseren Termin vergessen, obwohl ich ihn vormittags noch in Vorfreude auf dem Schirm hatte. An Tagen mit mehr fest vereinbarten Terminen gibt es eine Taktung von außen. In anderen Zeitfenstern kann ich manchmal ziemlich selbstvergessen in etwas eintauchen…
Diese kleine Begebenheit ist mir in Erinnerung geblieben, weil sie eine praktische Frage aufwirft: Woran merke ich rechtzeitig, dass ich meine Aufmerksamkeit wieder auf etwas anderes richten muss?
In der Selbstständigkeit müssen solche Übergänge selbst organisiert werden. Dazu gehört auch, die eigene Arbeitsfähigkeit realistisch einzuschätzen. Wer seine Woche überwiegend mit der Arbeit an einem begeisternden Projekt verplant, lässt oft zu wenig Raum für Erholung, Unvorhergesehenes oder Aufgaben, die mehr Überwindung kosten.
Wie du dir deine Woche so aufbauen kannst, dass sie zu dir passt, habe ich in einem eigenen Artikel beschrieben: Ganz einfach gut organisiert, mach’s auf deine eigene Art.
Wie kann ich dem Eigenen eine Form geben?
„Ich wollte ja nichts als das zu leben versuchen, was von selber aus mir heraus wollte. Warum war das so schwer?“ Dieses Motto stellte Hermann Hesse seinem Roman „Demian“ voran.
Auch Isa und ich gingen der Frage nach, inwieweit Betroffene sich manchmal in einer Situation befinden, die sich ähnlich der Quadratur des Kreises anfühlt: In einer Anstellung passt vieles nicht, und die Selbstständigkeit bringt wieder andere und neue Herausforderungen mit sich. Wir nehmen uns selbst überallhin mit: unsere Gewohnheiten, unsere „Baustellen“, natürlich auch unsere Erfahrungen und besonderen Fähigkeiten. Was wir bereits gelernt und gemeistert haben, kommt auch dem nächsten beruflichen Schritt zugute.
Eine Frage, die ich in diesem Zusammenhang hilfreich finde, lautet: Flüchte ich gerade vor etwas, oder gehe ich bewusst woanders hin?
Beides kann bei einer Entscheidung zusammenkommen. Entscheidend ist für mich, dass die Vorstellung von einem möglichen neuen Arbeitsleben konkreter wird. Was möchte ich verändern? Welche äußeren Aufgaben werden vielleicht herausfordernd bleiben? Was braucht noch einmal meine Hinwendung nach innen? Welche Unterstützung kann oder sollte ich von Anfang an einplanen?

Ich selbst war einmal in meinem Leben an einem Punkt, an dem ich wusste: Obwohl ich die Situation nicht besonders mag, könnte ich jetzt auch bleiben, ohne übermäßig zu leiden. Ich wollte jedoch etwas anderes und habe mich bewusst in Bewegung gesetzt. Diese Erfahrung hat meinen Blick auf berufliche und andere lebensentscheidende Veränderungen geprägt. Zugleich kann es auch einmal notwendig sein, eine belastende Situation zu verlassen, während vieles im Außen oder im Inneren noch ungeklärt ist.
Bei der Beschäftigung mit Schwierigkeiten gerät leicht aus dem Blick, was jemand an Stärken mitbringt. Welche Fähigkeiten sind bisher wenig beachtet worden oder kaum zum Einsatz gekommen? Welche Interessen und Bedürfnisse wurden immer wieder zurückgestellt? Wofür möchte dieser Mensch seine Energie überhaupt einsetzen?
Begabung, Neurodivergenz und die Frage nach der Passung
Bei der Frage nach der beruflichen Passung lohnt sich auch ein Blick auf Überschneidungen zwischen unterschiedlichen neurodivergenten Profilen. ADHS und Hochbegabung können gemeinsam vorkommen; auch Autismus kann gemeinsam mit einem ADHS vorkommen und wird dann als AuDHS bezeichnet. Als Faustregel gilt, dass im Bereich der Neurodivergenz zahlreiche Überschneidungen zwischen den Profilen ADHS, Autismusspektrum, Hochbegabung und Hochsensibilität möglich sind und auch in der Praxis vorkommen.
Unter dem Begriff Neurodivergenz werden unterschiedliche Formen des Wahrnehmens, Denkens und Verarbeitens von Reizen und Informationen beschrieben. Mein persönlicher Hauptschwerpunkt liegt auf der Begleitung hoch- und vielbegabter sowie hochsensibler Menschen und für die konkrete Begleitung ist mir wichtig zu verstehen, wie sich die jeweiligen Eigenschaften und Fähigkeiten im Leben der Menschen verbinden.
Deshalb interessiert mich bei beruflichen Fragestellungen immer auch, ob jemand ausreichend gefordert wird und seine Interessen einbringen kann. Ebenso wichtig ist, wie gut die Person selbst und ihr privates oder berufliches Umfeld ihre Art zu denken und Reize zu verarbeiten verstehen. Dabei schaue ich die unterschiedlichen Seiten eines Menschen sorgfältig an: Wie erlebt jemand anspruchsvolle Aufgaben? Was geschieht bei Routinen? Wie viel Energie fließt in die Organisation des Alltags? Welche Fähigkeiten hält die Person selbst für so selbstverständlich, dass sie diese kaum wahrnimmt und wertschätzt?
Die Frage nach der beruflichen Passung reicht damit bis in die konkrete Gestaltung eines gewöhnlichen Arbeitstages hinein: Wie viele Gespräche hintereinander tun mir gut? Wann brauche ich Ruhe? Welche Aufgaben fordern mich auf eine angenehme Weise? Wie viel Abwechselung brauche ich, wie viele Reize oder Wechsel in den Aufgaben vertrage ich, und unter welchen Umständen verliere ich den Überblick?
Was hilft im Alltag mit AD(H)S?
Bei Aufgaben, deren Beginn schwerfällt, arbeite ich gerne mit einem überschaubaren Einstieg. Einen Timer auf fünfzehn Minuten stellen und vorher festlegen, was in dieser Zeit geschehen soll: etwa die Belege eines Monats zusammensuchen oder die Woche planen. So bekommt die Aufgabe einen erkennbaren Anfang.
Beim Buddyworking verabreden sich Menschen zum gemeinsamen Arbeiten, auch online. Jede Person bearbeitet ihre eigene Aufgabe; die Verabredung gibt einen äußeren Rahmen. Zeitlich begrenzte Arbeitsphasen können ebenfalls hilfreich sein. Welche Dauer passt, lässt sich im eigenen Alltag erproben.
Auch bei intensivem Eintauchen in eine Aufgabe gehören Pausen zur Planung. Hunger, Durst, Anspannung und Erschöpfung verdienen Aufmerksamkeit, selbst wenn die Arbeit gerade gut läuft. Für mich gehört zur Selbstführung deshalb auch, den Körper wieder bewusster wahrzunehmen und im Tagesverlauf oft genug innezuhalten.
Ebenso wichtig ist der Umgang mit den eigenen Gefühlen. Wenn etwas liegen geblieben ist, können Ärger, Scham oder Versagensangst den nächsten Anlauf zusätzlich erschweren. Es lohnt sich, genauer hinzusehen: War die Aufgabe unklar? War der Umfang zu groß? Oder war der Anstieg zu schwer? Fehlte eine Entscheidung, eine Information oder Unterstützung?
Auch professionelle Begleitung kann einen guten Effekt haben: Aus meiner früheren psychotherapeutischen Arbeit erinnere ich mich an eine Person, die mit über dreißig noch keine Ausbildung abgeschlossen hatte. Sie hatte eine gesicherte ADHS-Diagnose und ausgeprägte Versagensängste beim Lernen. Hinzu kamen strenge verinnerlichte Erwartungen aus ihrer Biografie. Im Verlauf unserer Zusammenarbeit konnte sie mehr Mitgefühl für sich entwickeln und Abstand zu diesen verinnerlichten Anforderungen gewinnen. Später schloss sie sogar eine Ausbildung in einer deutlich verkürzten Zeit ab.
Diese Erfahrung ist mir in Erinnerung geblieben, weil sie zeigt, wie sorgfältig man die verschiedenen Belastungen eines Menschen auseinanderhalten muss. Auch die persönliche Geschichte kann Aufmerksamkeit und eine eigene Form der Begleitung brauchen. Welche Unterstützung hilfreich ist, fällt entsprechend individuell aus.
Eine Arbeitsweise entwickeln, die dir entspricht
Für eine tragfähige Selbstständigkeit braucht es ein zunehmend klares Verständnis der eigenen Fähigkeiten, Werte, Bedürfnisse und Grenzen. Dazu kommen Abläufe, auf die du dich verlassen kannst, und Menschen, die dich bei Bedarf unterstützen.
In meinem Coaching und Mentoring bei Begabung im Flow begleite ich hoch- und vielbegabte Menschen dabei, diese Zusammenhänge für sich zu klären und in ihre berufliche und persönliche Lebensgestaltung zu übersetzen. Eine gute Selbstregulation und die innere Orientierung am eigenen Potential bilden dabei die Basis, um sein Leben bewusst zu gestalten und eigene Vorhaben erfolgreich umzusetzen.
Eine größere berufliche Veränderung kann auch mit einer inneren Entwicklung verbunden sein. Gerade auf dem Weg in die Selbstständigkeit geht es um das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und in eigene Entwicklungsmöglichkeiten ebenso wie um den Umgang mit Unsicherheiten und darum, sich Entscheidungen zu erlauben, deren Ausgang noch offen ist. Was zu uns passt und was wir dafür brauchen, wird oft erst deutlicher, während wir erste Schritte gehen und Erfahrungen sammeln.
Rainer Maria Rilke schrieb einst in einem Brief an Franz Xaver Kappus: „Leben Sie jetzt die Fragen. Vielleicht leben Sie dann allmählich, ohne es zu merken, eines fernen Tages in die Antwort hinein.“

Die Frage, ob du vor etwas flüchtest oder bewusst auf etwas Neues zugehst, kann dabei ein Anfang sein. Im weiteren Verlauf klärst du, wie du arbeiten möchtest, was du dafür brauchst und welchen nächsten Schritt du unter deinen gegenwärtigen Bedingungen gehen kannst. Dabei darf der Blick auf deine Möglichkeiten genauso sorgfältig sein wie der auf deine Herausforderungen, und auf das, was du mit deinen Fähigkeiten und deiner Wesensart in die Welt bringen möchtest.
Dr. Hanna Steffen ist Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie und war fünfzehn Jahre in eigener psychotherapeutischer Praxis tätig. Heute begleitet sie mit Begabung im Flow als Coach und Mentorin hoch- und vielbegabte, hochsensible und neurodivergente Erwachsene in Hannover und online.
Häufige Fragen zu ADHS und Selbstständigkeit
Das lässt sich nicht pauschal beantworten. Studien zeigen einen positiven Zusammenhang zwischen ADHS und der Absicht, ein Unternehmen zu gründen. Sie erlauben aber keine verlässliche Vorhersage für den einzelnen Menschen. Entscheidend sind die individuellen Beweggründe, die eigenen Stärken und passende Arbeitsbedingungen.
Klassische berufliche Strukturen sind für manche Menschen zu eng, zu langsam, zu reizüberflutend oder zu fremdbestimmt. In der Selbstständigkeit lässt sich stärker beeinflussen, wann und wo man arbeitet, welche Aufträge man annimmt und wie man die eigene Arbeit organisiert.
Häufig fällt es schwer, die Aufmerksamkeit zu steuern, Aufgaben zu beginnen und zu organisieren sowie Impulse und Emotionen zu regulieren. Die Hyperaktivität zeigt sich bei Erwachsenen oft als innere Unruhe. Für eine Diagnose müssen die Schwierigkeiten anhaltend sein, verschiedene Lebensbereiche betreffen und sich bis in die Kindheit zurückverfolgen lassen.
Hilfreich können ein Timer auf fünfzehn Minuten für einen überschaubaren Einstieg, Buddyworking, fest eingeplante Pausen und ein genauer Blick auf Gefühle wie Ärger, Scham oder Versagensangst sein. Welche Dauer und welche Form passen, lässt sich im eigenen Alltag erproben.
Beides kann bei einer Entscheidung zusammenkommen. Hilfreich ist es, die Vorstellung vom neuen Arbeitsleben zu konkretisieren: Was möchte ich verändern, welche Aufgaben bleiben herausfordernd, was braucht noch meine Hinwendung nach innen und welche Unterstützung plane ich von Anfang an ein?
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