Warum Selbstständigkeit ein Experiment ist und du sowohl die Versuchsleitung bist als auch das Versuchskaninchen

Rückblickend ist mir klar: der Start in die Selbstständigkeit war mein erstes unbewusstes Experiment, mit mir selbst als Versuchskaninchen. Und bitter war der Weg zur Erkenntnis …

Bei 2000 Euro wollte ich eigentlich zumachen

2000 Euro. Mehr war nach einem Jahr Selbstständigkeit nicht mehr auf meinem Geschäftskonto. Der Existenzgründungszuschuss war ausgelaufen, ich hatte das erste Geschäftsjahr mit minus 13.000 € abgeschlossen, mein Umsatz lag unter 1000 Euro und ich hatte noch 2000 Euro auf dem Geschäftskonto. Also was tun? „Laden“ zu machen? Mein Beratungsunternehmen aufgeben, bevor es überhaupt richtig losgegangen ist? Nein, dachte ich, erst wenn alles Geld weg ist, wenn nichts mehr geht, dann mach ich dicht. Vorher probier ich noch, was geht. Also nahm ich das Geld und suchte eine Möglichkeit, es sinnvoll auszugeben. Zu investieren, …. aber in was? Fast hätte ich einem halbseidenen „Google-Experten“ mein letztes Geld gegeben. Er bringe mich auf Seite 1, sagte er. Aber erklären wie und zeigen bei wem er das schon geschafft hatte, konnte er nicht. Also entschied ich mich lieber selbst etwas auf die Beine zu stellen. Es war 2016 und ich wollte einen Newsletter und fand heraus, dass man Abonnenten am Besten mit einem Freebie anlockt. Und zack, da kamen sie auch schon in meinen Algorithmus. Die Angebote für den Aufbau eines Online-Businessprogramms. Ich fand eins, das mir gefiel und gab mein letztes Geld aus. Das Programm selbst half mir vor allem beim Marketing-Handwerkszeug, aber mein eigentliches Angebot stand da noch ganz woanders.

Diese Zeit war echt dramatisch für mich. Viele Herzblut und Mühe, aber keinen Erfolg!

Ein gutes Angebot, das keiner unterschrieben hat

Ich konnte gar nicht verstehen, warum es nicht lief. Ich hatte doch ein gutes Angebot. Businesscoaching und Trainings für Unternehmen, mit Spezialthemen wie Burnoutprävention, gesunde Führung und Feelgood-Management – Themen, die eigentlich gebraucht werden. Ich wurde auch ständig zu HR-Gesprächen eingeladen. Nur: Unterschrieben hat nie jemand. Ein Grund dafür war meine eigene Vertriebsschwäche. Der andere: Ich musste mir eingestehen, dass nur wenige Unternehmen wirklich bereit sind, in diese Art von Kompetenzen ihrer Mitarbeitenden zu investieren. Und dann kam noch mein Branchenwechsel dazu. Vom Marketing in der IT zu Coaching und Training. Kein Netzwerk. Keine Testimonials. Keine Glaubwürdigkeit. Ich hatte einfach bei null angefangen.

Warum ich trotzdem nicht aufgegeben habe

Und trotzdem wollte ich nicht aufgeben. Warum eigentlich nicht?

Zum einen war da eben dieses Online-Businessprogramm, in das ich die letzten 2000 Euro gesteckt hatte. Ich nahm dort nochmal richtig viel Marketing-Wissen mit, aber vor allem: Ich war plötzlich im Austausch mit anderen Selbstständigen, die genauso mit ihren Schwierigkeiten zu kämpfen hatten wie ich. Und irgendwie hat mich das ermutigt. Es lohnt sich dranzubleiben, auch wenn’s länger dauert, als man denkt, bis die Selbstständigkeit wirklich läuft. Das ist keine Erkenntnis aus einem Ratgeber, das erfuhr ich aus echten Gesprächen mit echten Menschen, die im gleichen Boot saßen.

Zum anderen – und das war eigentlich der entscheidende Punkt – hatte ich eine Frage im Kopf, die mich einfach nicht losließ: Wie gelingt es, glücklich im Job zu sein? Diese Frage blieb mir noch als Kern meiner Mission, mit der ich in die Selbstständigkeit angetreten war. Denn durch meinen Studienschwerpunkt Personalmanagement und nach meinen eigenen Erfahrungen und Beobachtungen der Arbeitswelt, fragte ich mich: Warum sind so viele Menschen unglücklich im Job, wenn die Methoden um das zu ändern doch bekannt sind?

Der Flickenteppich, der zu einem Einkommen wurde

Also machte ich weiter. Aber anders. Ich fand einen neuen Blickwinkel – einen neuen Ansatz für meine Selbstständigkeit. Statt weiter auf Trainings in Unternehmen zu setzen, erstellte ich ein Online-Programm (The Easy Way zum Traumjob) und begann erstmal Aufträge zu suchen, die mir überhaupt erlaubten, als Selbstständige abzurechnen. Ich gab 1:1-Coachings und Hypnosesitzungen. Ich meldete mich bei Trägern für AVGS-Coaching. Ich ließ mich als Resilienztrainerin für Betriebsräte buchen. Ich gab Trainings für die Karriereservices der Universitäten „Wie man kreative Beratungsmethoden in der Berufsberatung für Studierende und Studienabbrecher einsetzt“. Das kam richtig gut an. Und ich bewarb mich in Ausschreibungen um Existenzgründungsseminare und bekam (und bekomme noch) Aufträge als Trainerin und Existenzgründungsberaterin.

Kurz gesagt: Ich versuchte, ganz viele unterschiedliche Aufträge an Land zu ziehen und baute mir Stück für Stück ein Einkommen auf. Kein Plan, eher ein Flickenteppich, der sich am Ende zu etwas Stabilem zusammengefügt hat.

Was mir auf dem Weg half, waren unter anderem auch die Tools und Methoden, die ich im Verlauf meiner vielen Jahre Coachingausbildung kennenlernte. Und diese Erfahrung bestätigt mir auch heute noch einmal mehr, dass im Zentrum jeder erfolgreichen Selbstständigkeit am Ende die Unternehmerpersönlichkeit steht.

Selbstständigkeit ist ein Experiment und du bist Versuchsleitung und Versuchskaninchen zugleich

Wo bin ich heute angelangt? Bei den gleichen Themen im Kern, aber eine ganz andere Versuchsanordnung. Und genau dadurch ist mir klargeworden, was Selbstständigkeit eigentlich ist: ein Experiment. Und du bist dabei nicht nur die Person, die das Experiment aufsetzt, du bist gleichzeitig das Versuchskaninchen selbst. Du testest an dir, mit deinem Geld, deiner Zeit, deinen Nerven. Ist irgendwie schon eine spezielle Konstellation.

Was gehört eigentlich zu einer typischen Versuchsanordnung? Am Anfang steht eine Hypothese: Du glaubst, die Lösung für ein Problem gefunden zu haben – oder ein Bedürfnis erfüllen zu können, das der Markt hat. Dann geht’s weiter mit Recherche. Du triffst Annahmen über die Kaufkraft deiner Zielgruppe, das Marktpotenzial, das Marktwachstum, über den Wettbewerb, über Chancen und Risiken. Am Ende hast du ein paar gesicherte Daten in der Hand. Aber ob deine Prognosen auch eintreffen? Das weißt du nicht.

Und wann man mit einem Experiment abgeschlossen hat, kann jede:r selbst entscheiden.

Wenn andere aus dem Experiment aussteigen

Im Businesscoaching begleite ich häufig Existenzgründer:innen und Selbstständige und hier und da bekomme ich mit, wenn jemand aus dem Experiment aussteigt. Und auch davon möchte ich berichten. Zwei Fälle möchte ich berichten, weil die Erkenntnisse so unterschiedlich sind. Denn jedes Experiment hat seinen Preis und der Preis kann sehr unterschiedlich sein.

Eine Frau hatte einen gastronomischen Betrieb gegründet. Wirtschaftlich lief das einigermaßen. Aber emotional? Sie konnte nicht mehr abschalten, war permanent im Stressmodus. Die Selbstständigkeit, die ihr eigentlich Autonomie bringen sollte, fühlte sich stattdessen an wie Gefangensein. Wirtschaftlich tragfähig heißt eben nicht automatisch emotional oder organisatorisch tragfähig. Das war für mich ein Beweggrund für das Beenden der Selbstständigkeit, den ich so vorher nicht auf dem Schirm hatte.

Bei einer anderen Gründerin war’s simpler, aber nicht weniger real: Der Produktionsaufwand für ihre Ware war zu hoch, und der Markt war schlicht nicht bereit, die Preise zu zahlen, die sie gebraucht hätte, um gut zu verdienen. Nicht überraschend. Aber eben ein Muster, das immer wieder auftaucht. Und auch das ist eine Erkenntnis, die man nur im Experiment testen kann.

Ist das jetzt Scheitern?

In meiner Welt Nein. Und genau hier wird’s interessant: Die Frage ist ja nicht „aufgeben oder durchhalten“. Die Frage ist: Wie dreht man die eigene Selbstständigkeit noch, damit am Ende etwas dabei rauskommt, das man gerne macht und das auch Einkommen generiert? Sofern man den Entschluss fasst, noch weiter zu experimentieren.

Was mich am Narrativ des Scheiterns nervt

Aber was mich richtig nervt, ist, wie in vielen Kreisen über das Scheitern von Selbstständigkeit geredet wird. Ständig diese Mindset-Erzählung, als läge es nur an der inneren Blockade, und die Lösung sei dann ein hochpreisiges Programm, ein Online-Business oder eben endlich Social Media richtig zu bespielen. Das kenn ich aus erster Hand: denn in der Online-Business-Bubble, in der ich mich befand, traf ich auch einige Anbieter, die einem suggerieren: wenn du nicht erfolgreich bist, dann hast du den Shift noch nicht hinbekommen. Dann stimmt was mit deinem Money-Mindset nicht. Dann stimmt was mit dir nicht. Man probiert und probiert und denkt irgendwann, man sei einfach zu dumm dafür. Und dieses Narrativ halte ich für toxisch, weil es genau diesen Glaubenssatz nährt, den die meisten von uns in sich tragen „Du bist nicht gut genug!“. Und wem verkauft man besser ein neues Mindset-Pipapo-Programm, als jemandem, der das über sich denkt.

Dabei ist mit einem selbst oft alles richtig, aber mit den Methoden stimmt etwas nicht. Wenn du merkst, dass du bestimmte Marketingmethoden einfach nicht anwenden willst, weil du dich damit unwohl fühlst, dann ist das kein Fehler an dir. Das ist eine klare, starke Wertehaltung und die verdient Förderung, kein Kleingerede. Es gibt auch andere Wege. Vielleicht dauern die manchmal etwas länger. Aber sie fühlen sich besser an und sind aus meiner Sicht auch nachhaltiger, als Leute mit fragwürdigen Marketingmitteln in einen Verkauf reinzuquatschen. Ich setz lieber auf lange Kundenbeziehungen, die ruhig wachsen dürfen, geprägt von Vertrauen, Zugewandtheit und Langlebigkeit.

Jede Selbstständigkeit ist im Werden ein Experiment

Welche Haltung ich unbedingt betonen möchte: Jede Selbstständigkeit ist im Werden erstmal ein Experiment. Es sollte viel mehr über Prototyping gesprochen werden: kleine Versionen testen, anpassen, nochmal testen. Und es sollte viel mehr Raum dafür geben, sich von Anfang an mit anderen auszutauschen und offen über Hindernisse und Schwierigkeiten zu reden, statt so zu tun, als müsste man das alleine und allzeit souverän durchziehen.

Ich hätte damals fast zugemacht, bei 2000 Euro. Hab ich aber nicht. Ich hab die Versuchsanordnung verändert – und bin drangeblieben an der einen Frage, die mir wichtig war. Und fertig bin ich damit bis heute nicht: Auch jetzt, in einer stabilen Selbstständigkeit angekommen, entwickle ich mich permanent weiter. Das Experiment läuft einfach weiter – nur mit besseren Rahmenbedingungen.

Wie sieht deine Versuchsanordnung gerade aus? Und wann hast du das letzte Mal mit jemandem offen über deine Schwierigkeiten geredet, statt sie schön zu reden? Sei ehrlich! 😉

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